FUNDSTÜCKE
aus Büchern
Lukas Bärfuss
aus dem Roman ``Koala`` von Lukas Bärfuss; Wallstein Verlag, Göttingen

„Er saß mitten auf dem Atlantik, in einer Nussschale, mit den dreckigsten Huren des Königreichs, vierundzwanzig verkommene Weiber, die man wie Tiere unter Deck halten musste, weil sie sich für eine Handvoll Zwieback vom schmutzigsten Bootsmann bespringen ließen. Dazu gesellten sich achtzig Schläger, Diebe und Straßenräuber, jederzeit bereit zu einer Ruchlosigkeit, nichts weniger als der Ausfluss der Menschheit, verdorben an Leib und Seele, faul bis ins Mark, gefährlich für alles, was wie er, Ralph Clark, einen letzten Rest gesunder Seele besaß.“

„Die Faulheit wurde ausgelöscht und vergessen, ihre Geschichten, ihre Segnungen, ihre Blüten, ihre Verse und Lieder. Ihre Orte, die Betten und die Tische der Faulheit, waren noch da, verwandelt in Werkstätten, Fabrikationsstraßen, Verwaltungen. Der Mensch hatte die Welt zu einem Arbeitsplatz gemacht. Die Arbeit eroberte den Raum, die Faulheit legte sich in die Zeit und nahm sie sich als Liebhaberin. Faulheit mochte schmerzen, aber sie kannte die Angst nicht. Die Erscheinungen machte sie gleich und gültig. Das Nahe und das Ferne vereinten sich, der Faule sah keinen Grund, das Gegenwärtige mit dem Zukünftigen zu vergleichen. Das Eine zu wollen und das Andere abzulehnen, das Eine dem Anderen vorzuziehen kam ihm nicht in den Sinn. Die Faulheit mochte bewerten, aber sie kämpfte nicht, und was nicht kämpfte, durfte nicht leben.“

Markus Bundi
aus dem Roman ``Mann ohne Pflichten`` von Markus Bundi; Verlag Klopfer & Meyer, Tübingen

„Die Bilder in Zeitlupe, sie wirkten der Fragmentierung entgegen, ließen das sehen, was im Moment des Geschehens nicht zu fassen gewesen war, die prekäre Gegenwart als nachgereichte Illusion.“

„Die Flaschen sind voll, damit wir sie leer machen.“

Christoph Schlingensief
aus dem biographischen Buch ``Ich weiß, ich war’s`` von Christoph Schlingensief; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

„Diese Horden von Menschen, die da zwischen Notebooks und Zeitungsbergen in den Cafés herumhängen und schon beim Frühstück eine Stimmung verbreiten, als hätten sie was gegen Spiegeleier – ich weiß nicht, ich mag das alles nicht mehr.“

Robert Seethaler
aus dem Roman ``Ein ganzes Leben`` von Robert Seethaler; Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München

„Die Worte purzelten nur so aus ihm heraus und er hörte ihnen erstaunt dabei zu, wie sie sich scheinbar von ganz alleine aneinanderreihten und zusammen einen Sinn ergaben, der ihm selbst erst, nachdem er sie ausgesprochen hatte, überraschend klar vor Augen trat.“

„Er war schon so lange auf der Welt, er hatte gesehen, wie sie sich veränderte und sich mit jedem Jahr schneller zu drehen schien, und es kam ihm vor, als wäre er ein Überbleibsel aus einer längst verschütteten Zeit, ein dorniges Kraut, das sich, so lange es irgendwie ging, der Sonne entgegen streckte.“

„Die Vergangenheit schien sich in alle Richtungen zu krümmen und in der Erinnerung gerieten die Abläufe durcheinander beziehungsweise gewichteten sich auf eigentümliche Weise immer wieder neu.“

Saša Stanišić
aus dem Roman ``Vor dem Fest`` von Saša Stanišić; Luchterhand Literaturverlag, München

„Ein Bosnier und ein Serbe waren bei ihm angestellt, er hatte keine Ahnung, was der Unterschied genau war. Und dann hat er erfahren, dass die es auch nicht wirklich wussten. Den Krieg haben sie beide verdammt. Ein Mal nur ging es um die Schuldfrage, weil es ein Mal halt immer bei allen Dingen um die Schuldfrage geht, aber das haben sie friedlich gelöst und danach beschlossen, nur noch deutsche Nachrichten zu gucken, weil da seien alle gleich schuld, nur die Deutschen nicht – die dürften sich für die nächsten tausend Jahre keine Schuld mehr leisten, und damit konnten beide leben.“

„Herr Journalist, ist Ihnen eigentlich klar, dass hier früher Bier gebraut wurde und dass es sieben Gaststätten gab, und jetzt trifft man sich zum Trinken in einer Garage? Und ihr schreibt dann, Geburtenrückgang und Schulsterben. Ja, Himmelherrgott! Wenn die Gastronomie stirbt! Weniger Gaststätten – weniger Kinder, so einfach ist das. Ein Getränk miteinander trinken an einem Ort, der dazu geeignet ist, das zählt im Leben mehr, als woher man kommt.“

„In der Sauna hatte er neben Trunov gesessen. Drehte er den Kopf, konnte er Trunovs Schulter riechen. General Trunovs Schulter roch nach der erfolgreichen Verteidigung eines Brückenkopfs gegen einen dreimal stärkeren Gegner. Schramm roch Steppengras und Pferdeflanken, roch Afghanistan, roch Tänze mit usbekischen Dorfschönheiten.“

„Wieder andere sind angetan von der Mauer aus Feldsteinen, die den Garten begrenzt. Frau Reiff erzählt, dass sie immer dann, wenn sie eine Sorge hat, auf die Felder rausgeht, bis sie einen Stein gefunden hat, er muss ungefähr so groß sein wie ihre Sorge, und den bringt sie her und legt ihn auf die Mauer, und die Sorge ist dann schon kleiner geworden.“

Andrzej Stasiuk
aus dem Roma „Der Osten“ von Andrzej Stasiuk; Suhrkamp Verlag, Berlin

„Der Fluss ergießt sich ruhig, breit und wild. Silbern und leuchtend wälzt er sich aus der Tiefe der Erde, aus der Tiefe dieses von Neurose befallenen, von Hysterie zerfressenen Landes. Deshalb halte ich hier fast immer an, um die majestätische Melancholie des Flusses zu betrachten, seine Ruhe, seine Gleichgültigkeit. Ich stelle mir vor, dass er aus einem uralten Abgrund kommt, dass er für einen Bruchteil, einen Krümel Zeit durch diese Gegend fließt und dann in der Ferne verschwindet, in einer Zeit, in der wir nicht mehr hier sein werden.“

„Die Kreuze am Wegrand waren mit farbigen Bändern geschmückt. An einem brannte ein rotes Grablicht. Aber dem Abgrund zum Trotz, der sich in den Grundfesten der Welt auftat, war der Tag riesig und hell.“

„Wir betraten fremde Häuser und breiteten unsere Sachen im Schrank aus. Wir sagten: »Diese Häuser, diese Schränke gehören niemandem« und legten unsere Sachen hinein. Wir schauten aus fremden Fenstern und hielten das für unseren Ausblick. Wir hatten keine Ahnung, was er verbarg. Doch er verbarg Millionen fremder Blicke, die verkohlt waren, und unsichtbare Asche fiel auf unsere Tage.“

Maja Haderlap
Aus dem Roman „Engel des Vergessens`` von Maja Haderlap, Wallstein Verlag, Göttingen

„Das Mädchen, das sich aus dem Gras erhebt, mit seinem ungelenken, biegsamen Körper, dürfte wohl ich sein, das fremde Ich, das das Weinen entdeckt, als Quelle, die alles aus den Tiefen des Körpers schwemmt, was sich dort angesammelt hat, das Weinen als Förderkorb entdeckt, um in die Sohle des Körpers zu fahren, um ein Metall ans Licht zu fördern, das es vergiftet und nährt. Ich lerne in dieser Nacht, schluchzend zu etwas Samtigem und Warmem vorzudringen, zu etwas Dunklem und Hellem, das mich zermalmt und versöhnt, das mich das Kind sehen lässt, fern von mir, wie in mir.

Von da an bin ich das falsch zusammengewachsene Mädchen, kommt mir vor, das Mädchen mit ausgerenkten Gliedern, mit hochtrabenden Gedanken. Meine Arme ragen seitwärts, die Beine, wie notdürftig angebracht, hängen in neuer Schwere in der Luft, der Kopf ausgehöhlt, frei geworden für alles und nichts.“

Imre Kertész
aus dem Roman ``Ich - ein anderer`` von Imre Kertész; Rowohlt Verlag, Berlin

„Es ist etwas anderes, zu Hause heimatlos zu sein als in der Fremde, wo wir in der Heimatlosigkeit ein Zuhause finden können.“

Alex Capus
aus dem Roman ``Das Leben ist gut`` von Alex Capus, Carl Hanser Verlag München

„Ich mache, weil ich will. Weil es mir Spaß macht. Denn das Schöne, glaube ich, entsteht nicht aus Notwendigkeit, sondern ihr zum Trotz.“

»Espresso, Miguel?«

»Immer dieser Espresso«, sagt er. »Du musst entschuldigen, aber eigentlich ist das doch nichts für uns.«

»Verstehe«, sage ich. »Die Tässchen.«

»Und die Löffelchen.«

»Und die Zückerchen.«

»Und die Tellerchen.«

»Und das kleine Süßgebäck neben dem Löffelchen.«

»Der ganze Schneewittchenkram.«

»Soll ich uns einen Brandy einschenken?«

»Mach das.«

»Obwohl es noch nicht mal zehn ist?«

»Mach’s.«

»Auf dein Wohl.«

»Salud.«

Szczepan Twardoch
aus dem Roman ``DRACH`` von Szczepan Twardoch, Rowohlt • Berlin Verlag

Der alte Pindur hat Rückenschmerzen, er nimmt also einen Schluck Bitterlikör aus der flachen Flasche. Gegen den Schmerz. Der Rückenschmerz geht davon nicht weg. Aber der Likör schmeckt.“

„Er kennt Valeska seit Ewigkeiten. Er denkt auch ein bisschen daran, dass er, wenn er sie heiratet, ihr das dunkle Kleid ausziehen und nachsehen können wird, was sie darunter hat, und das interessiert ihn sehr, denn er hat noch nie gesehen, was ein Mädchen unter dem Kleid hat.“

„Sauerei, denkt Josef. Musketier Kaczmarek ist seit vier Tagen mit diesem Morast verrieben, und ein Teil von ihm klebt an Josef Magnor, und Josef meint, nichts wäre von dem Musketier Kaczmarek übrig geblieben, doch das ist nicht wahr, alles ist übrig von dem Musketier Kaczmarek, nichts ist verschwunden, denn gar nichts verschwindet, nur die Ordnung der Dinge verändert sich, auch der Musketier Kaczmarek ist nicht verschwunden, die Explosion eines Haubitzengeschosses hat Kaczmarek nur über die Fläche eines Tennisplatzes verteilt.“

Nina Jäckle
aus dem Roman ``Stillhalten“ von Nina Jäckle; Verlag Klöpfer & Meyer

„So steht man nun in dieser einen Variante, die man zu seinem Leben gemacht hat, schreibt Tamara in ihr Abrechnungsbuch, so versucht man nun immer wieder aufs Neue, dem Bedauern das Gelingen entgegenzusetzen. Man weiß, am Ende wird Sehnsucht in jedem Moment des Glücks und in jedem Moment des Unglücks gewesen sein, am Ende wird alles durchwoben sein von dem, was stattdessen auch hätte stattfinden können, die Sehnsucht macht ungerecht.

„Sieh dich nur an, wie vergnügt du bist, sagte der Maler, du bist ein Mensch, der tanzt, das bist du durch und durch, auch wenn du stillstehst, bist du ein Mensch, der tanzt. Ich war kaum älter als du, damals, als ich im Krieg war, sagte er, Tamara stand in dem schweren Kleid aus dunkelgrauem Samt in der Mitte des Ateliers, die Iris in der Hand, sie lächelte und hielt still, so gut es eben ging. Die Kriegszeichnungen des Malers konnte Tamara nicht sehr lange ansehen, immer wieder sah sie lächelnd zu dem Tisch, auf dem einige der Zeichnungen lagen, schnell wandte sie lächelnd den Blick wieder ab, genau so ist es gewesen, sagte der Maler nach einem Moment, all das entspringt nicht etwa meinem kranken Hirn, ich habe nur festgehalten, wie es tatsächlich war, doch niemand will das sehen, sieh trotzdem hin, das ist es, was wir tun, das ist es, was wir sind, das sind Bekenntnisse aufrichtigster Art. Krieg ist Gestank und Hunger, Läuse, Schlamm und Dreck, kauernd im Elend bleibt der Mensch zurück, weit und breit ist kein Held in den Kratern und Gräben zu finden, sagte der Maler, als Krüppel kehrt man aus dem Krieg zurück, auch dann, wenn dir alle Körperteile geblieben sind, sagte er, Tamara lächelte still, die Iris in der Hand, das Kleid wog schwer am Körper.“

Klaus Roehler
aus der Erzählung „Achtung Abgrund“ von Klaus Roehler; Verlag : Transit

„Schwieriger ist es nach meinen Unterlagen, eine Ratte zu fangen. Die Fallen stehen am günstigsten zwischen nicht zu weit auseinanderliegenden Leichen, besser noch stellen wir sie über den Augen auf, unter den Achseln oder zwischen den Beinen. Kinder sind der zartere Köder, vorausgesetzt, der Leib ist nicht zu stark verwest. Das Fleisch schmeckt herzhaft und besonders delikat. Wir klopfen es leicht, verschlagen gut mit Pfeffer und Salz, kochen mindestens zehn Minuten lang und schmecken mit frischem Löwenzahn ab oder legen, falls greifbar, ein Sträußchen Petersilie dazu. Schmackhafter als das Fleisch der männlichen Ratte sind die Innereien der Rättin, gesotten oder gegrillt. Dem Laien gibt sich dieses Tier allerdings erst zu erkennen, wenn es in der Falle sitzt und den Schwanz hebt.“