Gespräch des Herausgebers Marco Sagurna mit der blinden Lyrikerin Salean A. Maiwald, dem fast blinden Lyriker Rüdiger Stüwe und Heike Gronau vom Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen (e.V).
Marco Sagurna: Was können Gedichte?
Salean A. Maiwald: Sowohl für Blinde als auch für Sehende gilt: Gedichte sind besonders gut, wenn sie das eigentlich Unsichtbare sichtbar machen. Oft ist es das Geheimnisvolle in einem Gedicht.
Rüdiger Stüwe: Gedichte können ins Licht rücken, was sonst an der Oberfläche bleibt. Die eigentliche Bedeutung einer Handlung, eines Satzes, eines Wortes, einer Bewegung kann aufleuchten. Eine Wirklichkeit blitzt auf, die uns sonst verborgen bleibt.
Heike Gronau: Poesie braucht keine Augen. Sie wirkt über Resonanz, Rhythmus und innere Bilder – und ist damit für blinde wie sehende Menschen gleichermaßen zugänglich.
Marco: Wenn wir über diesen Lyrikband sprechen, sprechen wir auch über Zugänglichkeit. Unser Buch musste in Schwarzschrift funktionieren – aber ebenso in Brailleschrift.
Heike: Für viele Menschen ist Schwarzschrift selbstverständlich. Für blinde Lesende ist Brailleschrift aber der einzige Weg, einen Lyrikband wirklich selbstbestimmt zu erleben. Und Braille ist nicht einfach eine Übersetzung – es ist eine eigene Schriftkultur.
Marco: Schwarzschrift bedeutet auch typografische Gestaltung, bei der Brailleschrift spielt die Haptik eine große Rolle. Ein in Schwarzschrift eleganter Vers kann in Braille unübersichtlich sein. Umgekehrt kann in Braille stimmig kommen, was in Schwarzschrift zu schlicht wirkt. Für die Augen gedruckt entsteht Rhythmus durch Zeilenfall, Betonungen, Versfüße, Gedichtformen, Gleichklänge, Disharmonien, Weißraum, Satzzeichen oder persönliche Schreibungen wie individuelle Grammatik. In Braille können darüber hinaus Fingerbewegung, Punktmuster und Lesefluss eigene Poesie entfalten.
Heike: Viele blinde Menschen erleben Lyrik nur über Vorlesen oder Audio. Braille ermöglicht etwas anderes: ein eigenes Tempo, ein eigenes Innehalten, ein eigenes Zurückspringen im Text. Braille und Schwarzschrift sind zwei Wege zur Poesie.
Marco: Wie schreibst du deine Lyrik? Per Audioaufnahme, am Rechner mit Braillezeile oder auf andere Weise?
Salean: Oft spreche ich die ersten Assoziationen eines werdenden Gedichts auf den Kassettenrekorder, tippe es dann in die Computer via Sprachausgabe. Natürlich drucke ich sehr viel aus und lasse mir das Ausgedruckte dann mit dem Vorleser-Gerät vorlesen. Meist geht es dann auch am Kassettenrekorder noch mal weiter mit zusätzlichen Ideen und dann wieder an den Rechner zurück mit Sprachausgabe. Das ist ein Kreislauf aus Kassettenrekorder, Draufsprechen, Computer mit Sprachausgabe, Ausdrucken und vom Vorleser vorlesen lassen.
Rüdiger: Ich schreibe meine Gedichte mit der Hand in der deutschen Schreibschrift. Später übertrage ich sie mit der Tastatur am PC auf mein Schreibprogramm office. Mein Apple ist für Sehbehinderte eingerichtet, mit Lupe. Korrekturen mache ich mit Lupe am Original und am PC.
Marco: Sind in öffentlichen Bibliotheken genug Bücher in Brailleschrift zugänglich?
Heike: Leider nicht. Die großen Bestände liegen in spezialisierten Blindenbibliotheken wie Leipzig oder Marburg. Es braucht bessere Vernetzung und digitale Zugänge, damit Braille-Literatur leichter auffindbar wird.Salean: Wenn überhaupt beziehe ich Bücher nur aus der Blindenbibliothek in Leipzig.
Hörspiele und Podcast schaffen Bilder im Kopf
Marco: Als Schülerreporter war ich mal im Hessischen Rundfunk zu Gast in der Hörspielabteilung in Frankfurt. Mich faszinierte, wie und was Menschen mit Gespür fürs Ohr so alles sichtbar machen durchs Hörbarmachen. Danach hatte ich zuhaus gleich selbst ein kleines, albernes Hörspiel für den Kassettenrekorder geschrieben und aufgenommen. Sehr lustig. Der in Folge des Zweiten Weltkriegs erfundene Hörspielpreis der Kriegsblinden wird bis heute alljährlich vergeben, nun als Deutscher Preis für Audiostories. Warum sind Hörspiele so wichtig?
Rüdiger: Hörspiele fesselten mich früh. Es gab wunderbare Schulfunksendungen. Als in den 60er Jahren das sogenannte Neue Hörspiel aufkam, waren Hörspiele wie „5 Mann Menschen“ von Friederike Mayröcker und Ernst Jandl und „Häuser“ von Jürgen Becker große Erlebnisse, die auch mich zum Schreiben von Hörspielen brachten. Auch von einem, das ich gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern produzierte. Gesendet wurde es im Hamburger Lokalradio an einem Tag der offenen Tür der Schule.
Heike: Hörspiele und Podcast schaffen Bilder im Kopf. Sie arbeiten mit Klangräumen, Stimmen und Atmosphären – das ermöglicht eine eigene Form des Erlebens. Für viele blinde und sehbehinderte Menschen sind sie ein Zugang zu Literatur und Geschichten, der weit über reine Information hinausgeht.
Marco: Zu Gast im Fußballstadion des VfL Wolfsburg entdeckte ich dort beim Bratwurstholen den Zuschauerblock für Blinde, für die ein Kommentator im Stadion via Kopfhörer laut und nachvollziehbar das Spiel sieht.
Rüdiger: Da ich selbst Fußball gespielt habe – in der Jugend von Arminia Hannover – höre ich die Fußballkonferenz auf NDR 2. Die ist nicht eigens für Sehbehinderte und Blinde gemacht, aber allein durch Hören kann man sich das Spielgeschehen vorstellen.
Marco: Mein Freund Jörg Stein, ein Lyriker und Bildhauer, arrangiert seine Kunst in Ausstellungen speziell zum Erfühlen, und er begleitet das auch in gesonderten Führungen.
Salean: Ausstellungen mit Objekten, die sowohl ertastbar sind, als auch mit Gerüchen und Geräuschen unterstützt werden, können ein komplexeres Bild vom Präsentierten zeigen.
Heike: Es gibt viele gute Ansätze. Besonders Museen, die inklusive Konzepte konsequent mitdenken, sind hier Vorreiter: Taststationen, Audiodeskriptionen oder multisensorische Führungen schaffen echte Teilhabe. Auch einige Theater arbeiten inzwischen mit Live-Audiodeskription. Entscheidend ist, dass Barrierefreiheit nicht als Zusatz gedacht wird, sondern als selbstverständlicher Bestandteil kultureller Angebote.
Barrierefreiheit muss selbstverständlich sein
Salean: Im Felix Nussbaum-Museum in Osnabrück ist das Hauptgemälde „Selbstbildnis mit Judenpass“ als Tastbild erfahrbar; das war für mich ein völlig neues Erleben. Neben dem erfühlbaren Bild gab es zudem noch in Braille eine ausführliche Beschreibung. Großartig.
Rüdiger: Es mag in diesem Zusammenhang vielleicht zu unernst erscheinen, aber dennoch: Mir fällt das Kinderspiel „Blinde Kuh“ ein. Es macht Freude, durch Betasten herauszufinden, wen aus einem Kreis von Bekannten man vor sich hat. Für mich ist das Erfühlen im Alltag sehr wichtig – etwa in der Küche die Bestecke in den Besteckkasten des Geschirrspülers zu tun oder Mohrrüben mit dem Sparschäler zu bearbeiten, ohne mich zu schneiden.
Marco: Welche unterstützenden Neuerungen kommen noch?
Heike: Digitale Technologien eröffnen neue Möglichkeiten: präzisere haptische Druckverfahren, KI-gestützte Audiodeskription, durchdachte taktile Leitsysteme im öffentlichen Raum. Wichtig ist, dass Betroffene von Anfang an beteiligt werden – nur dann entstehen Lösungen, die im Alltag wirklich funktionieren und helfen.
Marco: Wie erzählt ein Mensch vom Sehen, der von Geburt an blind ist?
Heike: Menschen, die von Geburt an blind sind, entwickeln eigene Bilder – geprägt durch Sprache, Berührung, Geräusche. Sie erzählen nicht vom Sehen, sondern vom Wahrnehmen.
Marco: Warum wurde die Stadt Marburg in besonderer Weise auf das Leben blinder Menschen ausgerichtet? Wodurch alles? Und gibt es noch mehr solche auf diese Weise besonderen Städte in Deutschland?
Heike: Marburg ist historisch gewachsen: Blindenstudienanstalt, Universität, Reha-Angebote – alles greift ineinander. Tastpläne, Leitsysteme, barrierefreie Wege sind dort selbstverständlich. Andere Städte wie Leipzig, Hamburg oder München holen auf, aber es bleibt ein Flickenteppich. Vorbildlich wird es erst, wenn Barrierefreiheit stadtplanerisch gedacht wird.
Marco: Unsere Bundeshauptstadt Berlin, ist sie gut zu Blinden?
Salean: Überhaupt nicht. Im Westen fehlt es überall an Ampeln mit Signalen – ich habe in meiner Wohngegend Kudamm über den Berliner Blinden- und Sehbhindertenverein ABSV ein Signal beantragt; von Seiten der Stadt hieß es zuerst, das dauert bis zu sieben Jahren, und dann im vierten Jahr der Nachfrage hieß es, die Ampel ist renoviert: Ohne Signal!
Marco: Die Anwaltserie „Die Heiland“ oder die Krimiserie „Blind ermittelt“ aus Wien, die im Vorspann auch Brailleschrift zeigt, versuchen uns Augenmenschen ein wenig das Leben ohne Augenlicht zu zeigen. Sind solche Darstellungen, wo ja die Schauspieler:innen nicht wirklich blind sind, sind die gut, realitätsnah? Und – wenn ich das so sagen darf – schauen Blinde solche Fernsehsendungen? Und schauen sie überhaupt fern?
Heike: Solche Formate können Bewusstsein schaffen, bleiben aber meist Fiktion. Die Serie „Die Heiland“ ist aber ein gutes Beispiel – zwar ist die Schauspielerin sehend, aber die blinde Anwältin, die es im realen Leben gibt und die Vorbild für die Serie war, wurde in die Serie miteinbezogen. Ob blinde Menschen fernsehen, ist individuell: Viele nutzen Audiodeskription, andere bevorzugen Hörmedien. Barrierefreiheit sollte Standard sein.
Marco: Was ist wichtiger, Text in Brailleschrift oder gesprochener?
Salean: Beides ist wichtig. Braille lesen braucht viel mehr Zeit, hat den Vorteil der Ruhe und dass ich das Tempo selbst bestimmen kann. Gesprochener literarischer Text ist wichtig wegen des Klangs, des Rhythmus, der Pausen und der Musikalität der Sprache im allgemeinen.
Heike: Beides erfüllt unterschiedliche Bedürfnisse für unterschiedliche Zielgruppen: blinde, sehbehinderte, hör-sehbehinderte, taubblinde Menschen. Braille ermöglicht Selbstbestimmung: eigenes Tempo, eigene Struktur. Gesprochener Text öffnet Literatur für Menschen, die Braille nicht oder nicht mehr lesen können. Es geht um Wahlfreiheit, nicht um Konkurrenz.
Marco: Du siehst noch ein wenig, unterscheidest Hell – Dunkel, und du siehst Umrisse. War das immer schon so, oder wie entwickelte sich das? Und was machte das mit dir und deiner Wahrnehmung von Welt?
Rüdiger: Das Leben veränderte sich langsam abwärts von 80 Prozent auf die winzigen Reste von Sehfähigkeit jetzt. Als ich wusste, das würde diesen Verlauf nehmen, von da an drehte sich alles um meine Augen. Ich wurde unsicher, weil ich Bekannte nicht gleich erkannte. Nachdem ich zweimalhingefallen war – einmal auf der Straße, einmal auf einer Treppe –, da fing ich an, mich am Geländer festzuhalten. Das Hören wurde mir noch wichtiger, als es schon immer war. Trotz aller Einschränkungen und drohender Erblindung habe ich meine positive Lebenseinstellung behalten. Auch, weil so viele Menschen sehr hilfsbereit sind, wie ich es immer wieder in meinem Alltag erlebe. Nicht nur Nachbarn, sondern auch Fremde, in Bus, Bahn, an Haltestellen – beim Finden eines Wegs.
Auf der visuellen Datenbank geht nichts verloren
Marco: Wie wichtig sind fühlbare oder hörbare Markierungen und Symbole auf Wegen, Straßen, Plätzen und sonst im öffentlichen Raum?
Salean: Die Markierungen sind immens wichtig, da man ständig Gefahren ausgesetzt ist. Leider werden sie viel zu oft vernachlässigt. Beispiel neuer S-Bahnhof Charlottenburg, dort fehlt es komplett an Zeichenspuren.
Rüdiger: An einer Ampel verschwindet für mich immer wieder das grüne Licht, aber ein Signal höre ich, fühle mich sicher und kann über die Straße gehen.
Heike: Sie sind essenziell. Ohne Leitstreifen, tastbare Symbole und akustische Signale wird der öffentliche Raum schnell zur Gefahrenzone. Barrierefreiheit ist Voraussetzung für Mobilität und Teilhabe – und nützt vielen Gruppen, nicht nur blinden und sehbehinderten Menschen.
Marco: Du konntest sehen und wurdest blind, das heißt, du hast Vorstellungen vom Aussehen der Dinge und Wesen. Verändert sich das im Laufe der Jahre?
Salean: Nein. Auf der visuellen Datenbank geht nichts verloren. In Träumen weiß ich manchmal, dass ich eigentlich nichts sehen kann, aber die Bilder sind trotzdem klar da.
(Marco Sagurna, Salean A. Maiwald, Rüdiger Stüwe, Heike Gronau⎟Infomappe Kulturmaschinen zum Buch „Seht her – Poesie in Braille“. Das Interview darf gekürzt und auszugsweise verwendet werden. März 2026)